Irritation als Gestaltungsprinzip.
Warum Organisationen stabil bleiben.
Organisationen lassen sich nicht direkt verändern, sonst würde eine E-Mail an alle ausreichen. Organisationen bestehen aus Entscheidungen, aus Mustern, aus wiederkehrenden Formen von Kommunikation – und vor allem aus einem starken Drang, genau so zu bleiben, wie sie sind. Stabilität ist der Grundzustand, den Organisationen als soziale Systeme anstreben.
Veränderung ist damit kein natürlicher Zustand von Organisationen, sondern eher eine Abweichung, die erklärt und annehmbar gestaltet werden muss. Und genau hier kommt Irritation ins Spiel.
Systeme reagieren nicht auf Geschehnisse generell, sondern auf solche, die sie als Irritationen wahrnehmen. Und diese Reaktion ist zunächst selten Veränderung, sondern Abwehr. Denn Irritationen lösen in sozialen Systemen typischerweise Prozesse der Selbstorganisation aus – oft in Form von Routinen, die genau darauf abzielen, die bestehende Ordnung zu stabilisieren. Das heißt: Nicht jede Irritation führt zu Veränderung. Viele werden schlicht absorbiert.
Daraus folgt ein fast unbequemer Gedanke: Veränderung lässt sich nicht „machen“ oder „anordnen“. Systeme sind operativ geschlossen. Sie organisieren sich selbst. Alles, was von außen kommt – auch gut gemeinte Interventionen – kann immer nur als Irritation wirken. Nie als direkter Eingriff. Beratung, Führung, Entwicklung: All das sind Versuche, Bedingungen zu schaffen, unter denen ein System sich selbst anders organisiert.
Wann Irritation wirksam wird.
Irritation wird oft als Infragestellen oder Unterbrechen von gewohnten Mustern beschrieben. Andererseits stecken in ihr Anregung, Öffnung und Ausgangspunkt für neue Zukünfte. Ohne Irritation keine Bewegung. Aber ob aus Bewegung auch Entwicklung wird, darüber entscheidet nicht die Irritation selbst, sondern ihre Anschlussfähigkeit. Alles Handeln in Veränderungsprozessen muss so gestaltet sein, dass es anschlussfähig an das jeweilige System bleibt. Eine zu starke Irritation wird abgewehrt, eine zu schwache Irritation verpufft. Wirksam wird sie erst in dem Moment, in dem sie irritiert, aber noch integrierbar bleibt.
An diesem Punkt kippt Irritation in Lernen. Nicht im Sinne von „mehr Wissen“,
sondern im Sinne von Lernen zweiter Ordnung:
- nicht nur Handlungen verändern
- sondern die zugrunde liegenden Muster, Annahmen, mentalen Modelle
Irritation kann zum Ausgangspunkt dafür werden, dass ein System beginnt, sich selbst zu beobachten. Und genau das ist die Voraussetzung für Veränderung.
In Irritation steckt aber auch eine Haltung:
- Neugier statt Gewissheit
- Irreverenz gegenüber eigenen Überzeugungen
- Bereitschaft, auch etablierte Denkweisen in Frage zu stellen
Das bedeutet: Irritation ist nicht nur etwas, das man auslöst. Sondern auch etwas, das man zulässt.
Was das für die Gestaltung von Veränderungen bedeutet.
Systeme verändern sich nicht, weil man ihnen sagt, wie es geht, sondern weil sie irritiert werden und beginnen, sich selbst neu zu organisieren. Die eigentliche Kunst liegt nicht darin, Lösungen zu liefern, sondern darin, Bedingungen zu gestalten, unter denen Irritation wirksam werden kann. Damit verschiebt sich der Fokus in der Gestaltung von Veränderung:
- Nicht die Lösung steht am Anfang, sondern die Frage, wo und wie Irritation überhaupt entstehen kann.
- Nicht das schnelle Eingreifen, sondern das genaue Wahrnehmen dessen, was im System bereits irritiert ist.
- Nicht das vorschnelle Festlegen, sondern das Aushalten von Situationen, in denen noch nicht klar ist, was daraus wird.
In der Praxis zeigt sich das in der Art, wie Veränderungsarchitekturen aufgebaut sind:
- welche Fragen gestellt werden
- welche Perspektiven einbezogen werden
- welche Muster sichtbar und besprechbar gemacht werden
- und an welchen Stellen bestehende Routinen bewusst irritiert werden
Dabei bleibt Veränderung immer vorläufig. Hypothesen werden gebildet, überprüft und wieder verworfen. Das Vorgehen wird angepasst, nicht durchgesetzt. Was entsteht, ist weniger ein Plan im klassischen Sinne, sondern ein Rahmen, in dem Systeme beginnen, sich anders zu organisieren.
Was hat das mit Ostern zu tun?
Vielleicht weniger, als man auf den ersten Blick vermuten würde – und gleichzeitig mehr, als die vertrauten Bilder nahelegen. Ostern wird heute in der Regel über Symbole erzählt, die sich schnell einordnen lassen: Hasen und Küken, bunte Eier, Frühlingsblumen. Vertraute, freundliche Bilder, die nicht irritieren und keine weitere Auseinandersetzung erfordern.
Die ursprüngliche Geschichte erzählt aber etwas anderes.
Sie beschreibt eine Situation, in der Irritation zum Ausgangspunkt von Veränderung wird, in der Gewissheiten infrage gestellt werden und in der auf diese Irritation zunächst mit Widerstand reagiert wird. Sie erzählt von Verlust und Schmerz – und gleichzeitig davon, dass genau daraus etwas Neues entstehen kann.
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