Organisationen bestehen aus Entscheidungen – nicht aus Menschen
Das klingt im ersten Moment irritierend. Schließlich bestehen Organisationen doch offensichtlich aus Menschen: Mitarbeitenden, Führungskräften, Teams, Abteilungen. Menschen arbeiten, sprechen, entscheiden, streiten, entwickeln Ideen. Wie soll eine Organisation also nicht aus Menschen bestehen, sondern aus Entscheidungen?
Hier beginnt ein Perspektivwechsel, der für Veränderung entscheidend ist: Organisationen sind eigenständige soziale Systeme mit individuellen Spielregeln. Ohne Menschen gäbe es keine Organisation – das ist trivial. Aber: Menschen passen sich an Spielregeln an, nicht andersherum. Wer Organisationen wirksam verändern will, muss verstehen, wie sie funktionieren. Nicht im Sinne von Organigrammen oder Rollenbeschreibungen – sondern im Kern. Denn Organisationen sind keine bloßen Ansammlungen von Menschen. Sie sind soziale Systeme, die sich über Entscheidungen organisieren.
Organisationen als soziale Systeme
Wann immer Menschen regelmäßig miteinander arbeiten, entsteht mehr als bloße Zusammenarbeit. Es bilden sich wiederkehrende Muster: typische Abläufe, vertraute Kommunikationsformen, implizite Erwartungen, Sprachcodes – und Machtgefüge. Aus systemischer Perspektive sind es daher nicht die Menschen, die Organisationen stabilisieren, sondern die Spielregeln, nach denen entschieden und gehandelt wird.
Wer diese Spielregeln ignoriert, greift schnell auf vertraute Erklärungen zurück:
- „Die Mitarbeitenden ziehen nicht mit.“
- „Die Führung kommuniziert nicht klar genug.“
- „Wir brauchen mehr Change-Mindset.“
- „Unsere Prozesse sind nicht zeitgemäß.“
Diese Deutungen wirken plausibel und sind auf der operativen Ebene durchaus relevant – für eine nachhaltige Veränderung greifen sie aber dennoch zu kurz. Denn sie übersehen, dass Organisationen in ihrer Entscheidungsfindung eine eigene Logik entwickeln, die sich nicht auf individuelle Motive, Einstellungen, Kompetenzen oder Abläufe reduzieren lässt.
Der systemische Blick: Entscheidungen als strukturierendes Prinzip von Organisationen
Aus systemtheoretischer Perspektive bestehen Organisationen aus Entscheidungen – genauer: aus aufeinander aufbauenden, sich stabilisierenden Entscheidungsprozessen.
Jede Organisation beantwortet fortlaufend Fragen wie:
- Was gilt hier als relevante Entscheidung?
- Wer darf was entscheiden – und wer nicht?
- Welche Entscheidungen gelten als legitim?
- Welche werden umgesetzt, welche versanden?
- Welche Entscheidungen werden immer wieder neu getroffen, obwohl sie „eigentlich“ längst entschieden sind?
Entscheidungen erzeugen Folgeentscheidungen – und Erwartungen. Sie strukturieren Wahrnehmung und Handlungsspielräume. Diese Entscheidungslogiken bestehen weiter, auch wenn Menschen gehen und neue kommen. Sie sind personenunabhängig – und genau darin liegt ihre organisationale Kraft.
Entscheidungen allein verändern nichts
Viele Veränderungsinitiativen scheitern nicht an fehlender Motivation, Kompetenz oder Struktur, sondern daran, dass sie auf der falschen Ebene ansetzen.
Ein typisches Muster:
Es wird entschieden, dass sich etwas ändern soll.
Es wird ein neuer Prozess aufgesetzt, eventuell neue Rollen definiert.
Es wird kommuniziert, geschult, begleitet.
Und dennoch bleibt im Alltag vieles erstaunlich stabil.
Aus systemischer Sicht ist das wenig überraschend, denn eine Entscheidung allein verändert noch keine Organisation. Solange sich die Spielregeln des Entscheidens nicht verändern, integriert die Organisation neue Vorhaben meist reibungslos in das Bestehende. Veränderung wird angepasst, abgeschwächt oder umgedeutet – oft ganz ohne offenen Widerstand.
Veränderung heißt: Spielregeln bearbeiten
Wer Organisationen wirksam verändern will, muss den Fokus verschieben: weg von individuellen Einstellungen – hin zu den geschriebenen und ungeschriebenen Regeln, die Entscheidungen strukturieren. Organisationale Transformation bedeutet dann nicht, jedes Verhalten erklären oder jedes Mindset verändern zu müssen, sondern die Frage zu stellen:
Welche Spielregeln machen dieses Verhalten sinnvoll –
und welche müssten sich ändern, damit anderes Handeln plausibel wird?
Wer Organisationen verändern will, muss daher weniger an Überzeugung arbeiten und mehr an den Entscheidungsbedingungen, unter denen gehandelt wird.
Warum dieses Wissen grundlegend für die Zukunft ist
Organisationen stehen unter einem Veränderungsdruck, der von Unsicherheit, Geschwindigkeit und Komplexität geprägt ist. In solchen Kontexten verlieren klassische Steuerungslogiken zunehmend an Wirkung.
Entscheidend wird,
- wie Organisationen Entscheidungen treffen,
- wie lernfähig ihre Spielregeln sind,
- und ob sie in der Lage sind, ihre eigene Funktionslogik zu reflektieren.
Was es konkret bedeutet, diese Reflexionsfähigkeit systematisch aufzubauen – jenseits von Appellen und Einzelmaßnahmen – beschreiben wir ausführlicher hier: Die unterschätzte Kompetenz: Reflexion als Grundlage jeder Transformation
Wer Organisationen also als das versteht, was sie im Kern sind – Entscheidungssysteme –, gewinnt neue Handlungsspielräume. Diese Perspektive entlastet und schärft zugleich den Blick:
- Sie entpersonalisiert Probleme, ohne Verantwortung zu leugnen.
- Sie verschiebt den Fokus von Haltung auf Struktur – und von Struktur auf Entscheidungslogik.
- Sie eröffnet realistischere, wirksamere Hebel für Veränderung.
Systemtheorie liefert dafür kein Patentrezept, aber einen hochwirksamen Denkrahmen. Sie nimmt Organisationen dort ernst, wo sie tatsächlich funktionieren: bei Entscheidungen. Und genau hier beginnt nachhaltige Organisationsentwicklung.
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